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1. Leil - Auf der Wanderung

Ein heißer Herbsttag. Ich hatte schon zahlreiche Städte und Dörfer passiert, alle meine Mühe, eine stete Beschäftigung und Unterkunft zu finden, waren vergeblich gewesen, und betrübt zog ich als einsamer Wanderer die staubige Landstraße entlang.
Was war die Ursache meines Mißgeschickes gewesen?
Mein Aussehen war von der Art, die die Menschen heutzutage anständig nennen, ich sah nicht herabgekommen aus und war leidlich gekleidet.
Worin also lag die Ursache?
Die meisten von denen, die ich um Arbeit angesprochen hatte, hatten mich nur kalt angesehen, mancher gab mir aus Mitleid ein paar Pfennige, jeder erklärte, er habe “leider” keinen Bedarf für mich. Endlich fand sich einer, der mir die Wahrheit sagte.
“Ich würde es nicht wagen, Sie in meine Knochenmühle zu stellen, es tut mir leid um Sie, Sie sind zu alt.” — Nun wußte ich’s.
Mit meinen wenigen Fröschlein in der Tasche zog ich von dannen, die Menschheit bald verwünschend, bald wieder bemitleidend.
Gab es denn nicht Tausende und Abertausende meinesgleichen?
Waren nicht viele noch bedeutend schlechter daran?
Und mußte nicht ich mit allen den Laufenden und Abertausenden mich den ganzen langen Tag schinden und quälen, und kaut so viel zu verdienen, daß wir uns mühsam am Leben erhalten konnten?
Heiß brannte die Mittagssonne auf die Landstraße und legte sich wie Blei in meine mürben Knochen.
Da erblickte ich in einiger Ferne vor mir eine grüne mit Obstbäumen bestandene Wiese und darauf steuerte ich zu.
Bald war sie erreicht, im Schatten eines Apfelbaumes ließ ich mich nieder, las einige der abgefallenen Früchte auf, und diese bildeten mit einem Stücke Brotes, das ich aus der Tasche holte, mein frugales Mittagmahl.
Dann wollte ich weiter wandern, aber eine drückende Müdigkeit überkam mich, das Plätzchen war auch so geeignet zum Ruhen und Sinnen, ich begann zu grübeln über die schnöde und doch so schöne Welt, ich dachte an das Tischlein, das sich eigentlich decken müßte für alle, ich sann und dachte und grübelte, bis ein tiefer Schlummer mich dem irdischen Jammer entrückte und mich sanft hinübergeleitete in das Reich der Träume.
Erst lag es um meine Augen wie rosenrote Dämmerung, dann erblickte ich in weiter, endlos scheinender Ferne ein dunkles, kleines Etwas in der rosig leuchtenden Luft schweben, jenes dunkle Etwas wurde immer größer und kam immer näher, bis es sich gerade vor mir niederließ, ein wundersamer Aerostat.
Eine Frau entstieg ihm, engelsgleich anzusehen, trat vor mich hin und lud mich ein, ihr in das Luftfahrzeug zu folgen.
“Du wünschest Dir ja immer, das Tischlein deck dich für alle zu sehen,” sagte sie mit unnennbar lieblicher Stimme, “komm und folge mir, ich will es Dir zeigen!”

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.