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“Ich bin aus Almeria.
In der Arbeit eines ganzen Lebens bin ich alt und schwach geworden, nun warf man nach der dortigen Gesell Schaftsordnung die Schale weg, nachdem man den Saft herausgepreßt hat.
Aber eine gütige Fee erbarmte sich meiner und führte mich in dieses paradiesische Land.
Doch sage mir, wo befinde ich mich?”
“Ich weiß, mein Vater, daß es ein rückständiges, barbarisches Land ist, aus dem Du kommst, wenn auch feine Bewohner in dem Irrwahne leben, sie seien hoch zivilisiert und hoch kultiviert.
Hier aber bist Du im Lande der Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe.
In Ruhe und Sorgenfreiheit wirst Du hier den Rest Deiner Tage genießen und ebenso beschließen.”
Aus einem nahen Häuschen holte er dann eine Platte kalter Speisen, öffnete einen der silbernen Ausläufer an dem im Hause angebrachten Marmorbecken, fing den entströmenden weinähnlichen Trank in silbernem Becher auf, reichte mir Speise und den Trank, der einen herrlichen Wohlgeschmack befaß, und nachdem ich mich gestärkt hatte, lud er mich ein, ihm zur Einführung in das Land zu folgen.
Wir gingen den Weg, den er vorher gekommen war.
Nach kurzer Wanderung standen wir vor einem mächtigen, palastähnlichen Gebäude, das mir mein Führer als eines der Wohngebäude der großen Gemeinde vorstellte, das nach seiner Erklärung Raum für etwa tausend Insassen bot und deren es viele Tausende in dem weiten Bruderreiche gebe.
Es war ein aus Granit gefertigtes, sechs Stock hohes, auf einer breiten Terrasse stehendes Gebäude, in der Mitte einen halbkreisförmigen, von Marmorsäulen getragenen Vorbau bildend, auf den mehrere Marmorstufen nach der Vorhalle führten.
Wir stiegen die Stufen empor und traten in die Vorhalle, in deren  Mitte sich eine kunstvolle Türe befand, die durch einen Fingerdruck meines Führers auf einen Knopf aufsprang.
Nun standen wir in der inneren Halle.
Mein Führer fragte mich, ob ich nicht vorerst ein Bad wünsche, was ich sofort bejahte.
Wir gingen einige Stufen hinunter nach den Baderäumen, deren einen mein Führer öffnete.
Er bereitete mir ein Bad, zeigte mir die nebenstehende Brause und hieß mich meine Kleider in den neben dem Eingang befindlichen Schrank hängen und diesen wieder schließen, worauf er sich entfernte.
Als ich mein Bad genommen und mit einer kalten Dusche mich erfrischt hatte, öffnete ich den Schrank, um mich anzukleiden.
Meine alten Kleider waren verschwunden und statt ihrer hingen neue von der Art, wie die Leute hier sie trugen, nebst feiner reiner Wäsche in dem Schrank.
Ich begann mich anzukleiden und konnte mich nicht genug wundern, wie alles so genau passen konnte, ohne daß es anprobiert worden war.
Dann drückte ich auf den Türknopf, die Türe öffnete sich, und als ich austrat, fand ich meinen Führer wieder, der mich wohlgefällig lächelnd empfing und mich nach einer auf der anderen Seite befindlichen Halle geleitete.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.