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Die Arbeitszeit wurde wohl um ein geringes verkürtzt, aber nur durch fortwährende Strikes und Kämpfe, die jedesmal den schon längst aus dem Gleichgewichte gebrachten wirtschaftichen Haushalt des Arbeiters noch ärger (seite 15) verwirrten und in Unordnung brachten.
Dabei machte die Maschinentechnik so ungeheure Fortschritte, daß immer mehr Arbeiter überflüssig wurden und die Erwerbslosigkeit ein allgemeines und nicht länger zu ertragendes Uebel wurde.
Woher ihr Reichtum kam, wie viel saurer Schweiß der Armen daran klebte, darüber dachten die Reichen nicht nach.
Die armen Reichen!
Sie wußten es ja nicht anders, sie waren ja im Ueberfluß geboren und in Ueppigkeit herangewachsen, sie dachten wohl, daß es so sein müsse und nicht anders sein könne.
Sie hielten es wohl für ein Naturgesetz, daß die Arbeiter ihre Untergebenen seien, verpflichtet, ihre Wünsche zur Ausführung zu bringen, da sie ja dafür bezahlt würden.
Sie übersahen dabei nur, daß mit der fortschreitenden Zeit auch der Menschengeist fortschritt und daß der geistige Fortschritt sich auch durch Gewaltmittel nicht aufhalten läßt.
Die arbeitende Klasse wurde immer intelligenter, stellte immer höhere Ansprüche auf Lebensführung sowie auf Bildung, bis schließlich der Druck und Gegendruck den Höhepunkt erreicht hatte und eine gewaltige Reibung erzeugten.
Die Organisationen der arbeitenden Klasse wurden nun immer größer und mächtiger, sie entledigten sich ihrer korrupten, falschen Führer und nahmen allmählich die Lehren der aufgeklärten, ehrlich denkenden und das Prinzip der freisozialen menschlichen Gesellschaft, en freien Kommunismus lehrenden Leute auf, sie hörten deren Vorträge und lasen deren Schriften, während die Reichen sich auf den Staat stützten, der mit seinen Soldaten und Polizisten das Volk immer mehr bedrückte, bis die Zustände unhaltbar wurden.
Als schließlich in einem großen Reiche die Explosion erfolgte, die Revolution zum Ausbruch kam, sprang sie wie ein zündender Funke auch auf andere Reiche über, es entstand die schon längst erwartete allgemeine soziale Revolution.
Die organisierten Arbeiter waren zu der Einsicht gekommen, daß trotz aller Solidarität wegen der ungeheuren Machtmittel der Besitzenden auch die größten Strikes einzelner Organisationen immer erfolglos verliefen.
Durch die lehren der intelligenteren, ehrlichen Kollegen, die sich in jeder Organisation befanden, angefacht, lernten sie begreifen, daß es nur ein Mittel gäbe, schnell zu gewinnen, und dieses Mittel heißt: Generalstreik, und dieser ist gleichbedeutend mit Revolution.
Gleichzeitig wurde es auch in den bürgerlichen Kreisen lebendig, sie erwachten ebenfalls aus dem langen Schlafe, der sie nicht erquickt hatte.
Sie gründeten Vereine auf der Grundlage einer freien Gesellschaft, hielten Versammlungen ab, woran sich Männer und Frauen aus den verschiedensten Klassen beteiligten.
Die sogenannten intelligenteren Klassen sahen ebenfalls ein, daß das Rad nicht mehr zum Aufhalten sei und beteiligten sich an den Volksversammlungen, die allerorts stattfanden und immer zahlreicher wurden.
Die wirklich Gelehrten fanden sich dann ebenfalls ein, entwarfen Pläne, wie einer blutigen Revolution vorzubeugen sei und (seite 16) beeinflussten die höheren Militärs, die nach und nach zur Einsicht kamen, daß es kinen Zweck habe, gegen das Volk anzukämpfen.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.