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Später wurde eine Weltsprache neben der Muttersprache der einzelnen eingeführt und in alen Schulen gelehrt und dadurch verschmolzen sich die Völker allmählich zu jenem Bruderreiche, in dem wir nun das Glück haben zu leben, Dank unseren Vorfahren, die harte Kämpfe und Verfol- (seite18) gungen zu bestehen hatten, um das zu erreichen, denn sie waren es, die dem Erdenvolke ein Licht angesteckt haben, das nie erlöschen und in kurzer Zeit die noch zurückgebliebenen Völker ebenfalls erreichen wird.
Die Arbeit wurde Erholung und Zerstreuung statt einer Last, wie es früher der Fall gewesen war.
Es gab keinen Zwang mehr, jeder konnte nach seiner Neigung arbeiten und war aller Sorgen um die nächste Zukunft enthoben.
Der überflüssige Tand verschwand, der früher Tausende von Menschen zu nutz-und zweckloser Arbeit gezwungen hatte und nur darum erzeugt worden war, um andere zu bereichern.
Die jungen Leute, die Söhne des Volkes, die früher unnütze Militärdienste zu leisten gezwungen waren, sind zu nutzbringender Arbeit herangezogen, den Frauen ist die so anstrengende, erniedrigende Haushaltarbeit, Kochen, Waschen, Putzen usw. abgenommen und wird durch kräftige Männerhände und Maschinen getan, durch Zusammenziehung hunderter von Haushaltungen zu einer vereinfacht und segensreich gemacht für das große Ganze.
Die Menschheit jauchzte auf über die friedlich errungenen Erfolge und konnte es schließlich gar nich begreifen, wie es zugegangen war, daß die früheren Geschlechter diese Einfachheit nicht früher hatten erfassen können, daß sie ihre unwürdige Sklaverei so lange, so unmenschlich lange hatten ertragen können.
So sprach meine Freundin zu mir. Meine Brust weitete sich bei dem Gedanken an das Gehörte und Gesehene, ein tiefer Atemzug sollte mir Kraft geben zu einem lauten Iubelruf, da  — erwachte ich und die öde, nackte, den Geist und den Körper niederzwingende Wirklichkeit lag wieder vor mir.

3. Teil.

Vielleicht sind mir meine Leser gefolgt in mein Traumland. Wenn sie es getan haben, so werden sie wohl auch noch so viel Zeit und so viel Geduld aufbringen, einigen Worten zuzuhören, die ich hiermit an sie, namentlich an die Arbeiter unter ihnen und an die Arbeiterfrauen richte und die ich des genaueren Nachdenkens für würdig halte.
In dem Paradieslande, das mein Traum mir vorgegaukelt, herrscht Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe.
Herrschen sie auch in unserer Welt?
Liebt der Reiche seinen Bruder Arbeiter?
Erachtet er ihn in irgendeiner Beziehung gleichgestellt?
Und vor allem, ist der Arbeiter in dieser mit bitterer Ironie „die beste aller Welten“ genannten Welt frei?
Mit nichten!
Oder doch, er ist frei, aber vogelfrei!
Er ist ja der wirtschaftlich Schwache, über den der wirtschaftlich Starke rücksichtslos hinwegschreiten darf zu seinem Vorteile, über den er – er bezahlt ihn ja dafür mit einem Iammerlohne – nach Willkür verfügt zu seinem Vorteile, über dessen Leben er sogar zu seinem Vorteile versügt, indem er ihn an ungeschützte Transmissionen stellt, daß sie ihn tückisch erfassen und fort- (seite 19) reßen in einen todbringenden Wirbeltanz, ihn in Steinbrüche stellt, wo Felsstürze ihn erschlagen, ihn in Bergwerke sperrt, wo giftige Gase ihn verderbendrohen umlauern, und alles das, weil er ihn "bezahlt", ihm ein Millionten von dem, was der Arbeiter für ihn errackert, abgiebt, gerade genug, daß er des Leibes Bloße bedecken kann und nicht verhungert.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.