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Er ist ja der wirtschaftlich Schwache, über den der wirtschaftlich Starke rücksichtslos hinwegschreiten darf zu seinem Vorteile, über den er — er bezahlt ihn ja dafür mit einem Iammerlohne — nach Willkür verfügt zu seinem Vorteile, über dessen Leben er sogar zu seinem Vorteile versügt, indem er ihn an ungeschützte Transmissionen stellt, daß sie ihn tückisch erfassen und fort- (seite19) reßen in einen todbringenden Wirbeltanz, ihn in Steinbrüche stellt, wo Felsstürze ihn erschlagen, ihn in Bergwerke sperrt, wo giftige Gase ihn verderbendrohen umlauern, und alles das, weil er ihn „bezahlt“, ihm ein Millionten von dem, was der Arbeiter für ihn errackert, abgiebt, gerade genug, daß er des Leibes Bloße bedecken kann und nicht verhungert.
— Oder doch, er ist frei, er hat die Freiheit nämlich, seine Arbeitskraft zu verkaufen, zu verkaufen an täglich einen anderen Menschen, einen, der gerade so Mensch ist wie der Arbeiter selbst, aber die Macht hat, weil er das Geld hat, diese Arbeitskraft schäbig zu bezahlen.
Und wenn ein Iahr der Arbeit für den Arbeiter, ein Iahr des Wohllebens und des Genusses für den Mächtigen um ist, was ist des Iahres Ernteergebnis?
Der Reiche ist noch reicher geworden, der Arbeiter aber hat, wenn es gut ging, sein Leben kärglich gefristet, seine Familie kümmerlich ernährt, und was hat er erübrigt? — Nichts.
Wieder beginnt ein neues Iahr, wieder geht es in die Tretmühle harter Arbeitsfrohn, wieder ist am Schlusse das gleiche Ergebnis da, und Iahr und Iahr vergeht, eines wie das andere, und der Arbeiter bleibt immer auf demselben Flecke stehen, was er erübrigt hat, ist das leere, grausige, jammervolle Nichts.
Dann kommt das Alter.
Ist denn dafür gesorgt, Notgroschen zurückzulegen?
Dazu langte es nicht, und weiterarbeiten kann man ja nicht mehr, die Kraft reicht nicht mehr aus, da sie verzettelt und vergeudet werden mußte im Dienste für den Reichen.
Der aber hat ja Auswahl genug unter jungen, kräftigen Leuten, er würde sich ja nur für dumm halten, den Alten, Kraftlosen zu beschäftigen, wo des Iungen Kraft ihm das Vielfache von dem erschuften kann, was des Alten Kraftlosigkeit noch schaffen könnte.
Der Tungkräftige tritt an die Stelle des Altersschwachen, für den Alten ist schon gesorgt, er kann ins Armenhaus kommen, wo so herrlich — wer lacht da? — für ihn gesorgt ist, oder er kann — betteln gehen.
Ist es unter solchen Umständen für den Arbeiter nicht der Mühe wert, sein Hirn ein wenig anzustrengen und ernst darüber nachzusinnen, ob diesen schreckhaften Zuständen nicht ein Ziel gesetzt, wie dieser Zustand gebessert werden könnte?
Auch an die Frauen der Arbeiter möchte ich meine Worte dringen lassen, auch an sie, und in mancher Beziehung in erster Linie an sie, möchte ich die Aufforderung richten, darüber nachzu-sinnen und sich gegenseitig aufzuklären.
Denket zunächst an Euer gegenwärtiges Los, Ihr Frauen!
Am frühen Morgen muß die Arbeiterfrau im Sommer und im Winter sich von ihrem Lager erheben, Frühstück bereiten und das Mittagsbrot, das der Mann für die Mittagspause mitnimmt, da die kurze ihm dafür gewährte Frist nicht dazu ausreicht, daß er es im Kreise der Seinen zu Hause einnehmen könnte.
Am frühen Morgen muß sie damit beginnen, damit der Mann nur rechtzeitig an seine Arbeitsstätte kommt.
Ist der Mann fort, dann kommen die Kinder an die Reihe, die zur Schule (seite 20) müssen.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.