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Ist der Mann fort, dann kommen die Kinder an die Reihe, die zur Schule (seite 20) müssen.
Sie müssen mit dem knappen Frühstück beteilt und beim Anziehen überwacht werden, daß der Lehrer an ihrem Aeußern nichts zu mäkeln habe.
Nach ihnen kommen die kleineren Kinder daran, die ihr Frühstück wollen, gewaschen, gekämmt und angekleidet werden müssen, und ehe sie an die eigentliche Hausarbeit nur denken kann, ist schon ein großer Teil des Vormittags vorüber.
Ietzt-ist der Tisch abzuräumen, das Geschirr zu reinigen und an seinen Platz zu bringen, das Bett zu machen, die Wohnung zu säubern.
Nun beginnt auch schon die Sorge für den Mittagstisch.
Was soll wohl heute wieder gekocht werden?
Das Geld ist knapp, viel kosten darf also das Mahl nicht, und doch sollen alle die hungrigen Mäulchen gestopft und soll dafür gesorgt werden, daß dem Körper die notwendigen Baustoffe für sein Wachstum und Gedeihen zugeführt werden.
Es folgt das Mittagessen, ohne den Gatten und Vater natürlich, oder vielmehr unnatürlich, und wieder abräumen, Geschirr waschen, in Ordnung bringen, und schon ist auch ein Teil des Nachmittags weg.
In der Ecke aber liegt schon ein Häuflein zerrissener Kleider und Wäschestücke, die der bessernden Hand bedürfen.
Eigentlich sollte ja Neues angeschafft werden, aber es langt ja nicht dazu, da muß eben ein Flicken neben den anderen, manchmal wohl auch einen über den anderen gesetzt werden, um die Sachen notdürftig in Stand zu setzen und wieder halbwegs gebrauchsfähig zu machen.
Darüber rückt die Zeit des Abendbrotes heran, es muß etwas eingeholt werden, denn der Mann kommt müde und hungrig heim und die Kinder haben immer Appetit.
An sich denkt die arme Geplagte am allerwenigsten und zu allerletzt.
Sie geht also einholen, die Kinder bleiben inzwischen allein und ohne Aufsicht, und geschieht inzwischen zu Hause irgend ein Unglück, dann kommt am Ende noch Nachbar A und Nachbarin B und verdammt die arme Mutter, die auf ihre Würmer nicht aufpaßt, sie allein läßt, statt sich um sie zu kümmern.
Dann wird das Abendbrot fertig gemacht, es wird gegessen, wieder muß der Tisch abgeräumt, das Geschirr gewaschen und besorgt, dann die Kinder zu Bette gebracht werden, der Tag ist zu Ende, mit ihm aber auch die Arbeitskraft und die Arbeitsfreude der gehetzten Frau.
Für ihre körperliche Erholung blieben ihr die wenigen Stunden Schlafes, für ihre geistige nichts, gar nichts, rein nichts.
So geht es denn einen Tag um den anderen, hie und da kommt noch zur angenehmen Abwechslung ein Waschtag dazwischen oder Großreinemachen oder ähnliche Hauswirtschaftssorgen, in diesem ewigen arbeitsreichen Einerlei vergeht Woche um Woche, Monat um Monat, Iahr um Iahr.
Fragt Euch selbst, Ihr armen, geplagten Frauen.
Ist ein solches Leben menschenwürdig?!
— Nein und abermals nein!
Eure Männer wissen es nicht, denn sie sehen es nicht, da sie doch herausmüssen ins „feindliche Leben, zu schaffen, zu streben“.
Es gibt sogar Kurzsichtige darunter, die noch meinen, die Frau habe es doch so herrlich schön, da sie nicht Hinaus müsse in die Arbeit.
Und dennoch habt Ihr die große Last.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.