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Schafft eine nicht im Hamse, dann legt sie selbst auch Hand an und hilft dem Manne verdienen.
Sie arbeitet sich ab und indessen verkommt zu Hause die Wirtschaft und werden die Kinder vernachlässigt.
Dann kommt noch Kummer und Kränkung dazu, und wenn das Iahr vorüber ist, ist wieder nichts erübrigt und für die Zukunft nicht gesorgt.
So geht es weiter, ich möchte trostlos sagen bis in die Unendlichkeit, wenn ich Trost nicht fände in den Gesetzen der Natur, über die auch jene nicht hinaus können, die unsere reizende Gesellschaftsordnung ersonnen haben und mit den Mitteln ihrer Macht und ihres Reichtums durchzwingen.
Eines dieser Naturgesetze aber heißt: Druck erzeugt Gegendruck.
Unumstößlich, wie jedes Naturgesetz, ist auch dieses: Der Gegendruck wird seine explosive Kraft beweisen, wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, und diese Zeit rasch genug herbeizuführen, dem müssen wir unser Denken weihen.
Blättern wir nur zurück in dem Buche der Geschichte!
Wie oft und wie segensreich hat sich da dieser Gegendruck schon geäußert!
Ided Aeußerung des Gegendruckes hat uns ein kleines Endchen an Freiheit mehr gebracht, Freiheit in gewissen Institutionen, oder Freiheit im Denken.
Auch dieses war ja, noch ist es nicht gar lange her, in Fesseln geschlagen und Galileo Galilei erlitt von Henkershand den Tod auf dem Scheiterhaufen, weil er dem Weltensystem nachgegrübelt und die Wahrheit gefunden hatte, daß die Erde sich um die Sonne bewegt.
„E pur si muove“, rief er sterbend seinen Henkern noch zu, und doch bewegt sie sich, sie wird sich immerdar bewegen, und mit ihr wird sich auch der Menschengeist bewegen, vorwärts bewegen, bis die ersehnte Zeit herankommt, bis sich auch die Wahrheit ans Tageslicht wagen wird, daß alle Menschen gleich und gleichberechtigt sind, daß die Welt nicht für einen, nicht für einige wenige erstand, daß sie allen gehört, die auf ihr leben.
Erst wenn diese Zeit erschienen sein wird, wird wahrer Friede herrschen, wirkliche Brüderlichkeit und echte allgemeine Menschenliebe.
An der Arbeit werden all mit Lust und Liebe zugreifen, keiner wird sich zurückziehen, weil Arbeit nicht mehr Zwang, sondern die freie Betätigung des Willens zum Leben und des Willens, der Allgemeinheit zu dienen, sein wird.
Kummer und Sorgen werden verschwunden sein, denn jeder Mensch wird imstande sein, sich ordentlich zu ernähren und anständig zu kleiden, seine Kinder ordentlich erziehen zu lassen.
Somit werden alle reich sein, weil sie alles haben werden, was ihnen nötig ist und weil dann jene Zufriedenheit von den Menschen Besitz ergreifen wird, die in der Natur der Sache begründet ist und verhindern wird, daß einer sich mehr Besitz ersehnt.
Dann wird der Begriff der Armut nur mehr der Geschichte der Vergangenheit angehören.
Wer noch an die Menschheit glaubt, der wird sich sagen müssen, daß der Menschengeist nur nach dieser Richtung hin sich betätigen kann, und da wir alle an die Menschheit glauben, so dürfen wir die schöne Zuversicht (seite 22) hegen, daß der Geist nicht ruhen wird, bis unserer Gesellschaft zu dem paradiesischen Gemeinwesen umgestaltet sein wird, von dem ich träumte und immer noch träume, bis das märchenhafte „Tischlein deck dich für alle!“ zur Wahrheit geworden sein wird.

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.