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Besieht man sich die Arbeit selbst etwas genauer, so merkt man bald, daß da die Waren (seite 23) nur hin und her gefahren werden, von einem Geschäft zum anderen, vom Erzeuger zum Großhändler, vom Großhändler zum Kleinhändler und in lieblicher Abwechslung so weiter, und bis sie den Konsumenten erreicht hat, ist sie im Preise um das Doppelte und Dreisache von dem gestiegen, was sie beim Erzeuger selbst gekostet hat.
Beim Kleinhändler aber kauft nur der Arbeiter, nur der Mann, dessen Einkommen so gering ist, daß er sich einen Einkauf im Größeren nicht leisten kann.
Am meisten bezahlen muß also derjenige, der am wenigsten hat, erstens weil er eben so wenig hat, und zweitens, weil er in seinem beschränkten Hüttchen, in seiner beengten Wohnung gar nicht den nötigen Raum hat, etwaige größere Mengen von Bedarfsartikeln aufzubewahren, so daß er im Kleinen einkaufen muß.
Im höchsten Grade unproduktiv ist auch unser Versicherungsbetrieb und das Kolportage-und Agentenwesen.
Ungezählte Tausende von Agenten laufen tagein tagaus, jahrein jahraus herum, um Versicherungen abzuschließen, Erhebungen zu pflegen, Gelder zu sammeln, die großen Kompanien zu bereichern, die ihren hohen Beamten ungeheuere Gehälter bezahlen, während die armen Agenten kaum in der Lage sind, sich das Paar Schuhe zu erneuern, das sie sich bei der Arbeit abgelaufen haben.
Massen von Schundliteratur werden durch ungezählte Tausende von Kolporteuren unter das Volk geworfen, wenige Verleger bereichern sich durch das Gift, das sie verschleißen, mit fürstlichem Vermögen und die armen Kolporteure laufen einher mit zerrissenen Schuhen und hungrigem Magen.
Nicht minder unproduktiv ist die Arbeit bei Uebersiedelungen, das Hin-und Herziehen von einer Wohnung zur anderen.
Wie viele Tausende von Arbeitern sind dabei beschäftigt, müssen sich schinden und quälen, das alte, morsche Gerümpel hin und wider zu schleppen, aus der alten  Wohnung, die gleich wieder bezogen wird, in die neue, die gerade erst von ihren früheren Inhabern verlassen wurde und noch im alten Schmutze starrt.
Wer hat damit wieder die häßlichste Arbeit?
Ihr Arbeiterfrauen!
Für Tage, oft für Wochen habt Ihr wieder zu waschen, zu reiben und zu scheuern, um die „neue“ Wohnung, in der Ihr wahrscheinlich nicht länger werdet bleiben können als in der alten, im bewohnbaren Zustand zu bringen.
Und doch müssen die Arbeiter am häufigsten übersiedeln, weil die Beschäftigung, die Anstellung an einem anderen Orte es erheischt oder weil wieder einmal der Geldbeutel gebieterisch fordert, daß eine billigere Wohnung genommen wird.
Die gut Gestellten haben es nicht so leicht nötig, oft zu übersiedeln, sie haben ja ihr wohl eingerichtetes Haus und die Reichen haben ihre Paläste.
Und die Häuser und die Paläste müßt Ihr Arbeiter bauen mit Eurem Schweiße und Eurer Gesundheit, während Ihr in dumpfen, luft-und lichtlosen Löchern wohnt. Könnt Ihr nicht Häuser mit guter Einrichtung und Paläste bauen für Euren eigenen Gebrauch? —

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.