Page 26

Page 26

Seite 26

Im besten Falle (seite 26) ein zusammengehungertes Vermögen von wenigen hundert Dollars.
Was wird ihnen das nützen, wenn sie es in die Hände bekommen?
Einige wenige werden es vielleicht gut anwenden und dabei etwas erzielen, die Mehrzahl aber wird in kurzer Zeit damit zu Ende und dann gezwungen sein, wieder ins Sklavenjoch zurückzukehren.
Könnt Ihr Eueren Kindern eine gute Erziehung geben? Nein.
Denn kaum sind dieselben der Volkschule entwachsen, werden sie ins Sklavenjoch gespannt und sind dann nicht mehr Euere Kinder, sondern die Sklaven anderer Leute, die über sie verfügen nach ihrem Belieben und Gutdünken.
Ist die Woche um, so bringen sie den Eltern ein paar Dollars nach Hause, die Kaum genügen, ihnen das Essen zu geben.
Sind sie dann so weit, daß sie den Eltern eine Stütze sein könnten, sind sie 18 oder 20 Iahre alt, dann kommen sie zum Militär oder heiraten und gar ost müssen die Eltern in diesem Falle auch noch eingreifen, wenn es ihre Mittel erlauben.
So ist der Lauf der Welt heutzutage.
Ein altes Sprichwort sagt: Ein Vater ernähren, und das bewahrheitet sich in den meisten Fällen.
Mancher Leser und manche Leserin wird sich vielleicht sagen: In diesem Schriftchen ist aber nichts von Religion erwähnt!
Demgegenüber möchte ich nur die Frage stellen, die sich jeder selbst leicht beantworten kann, ob denn die allgemeine Menschenliebe vielleicht weniger Religion in sich schließt als alle heute bestehenden sogenannten Religionen zusammengenommen, die wohl mitunter schöne Lehren geben, wie z. B. „Liebe deinen Nähsten wie dich selbst“, die aber nicht danach handeln? — — —
Da drängt sich denn die Frage aus: Was sollen wir also tun?
Einen Tag in jedem Iahre ist das Volk souverän.
Die freien Bürger gehen zur Wahlurne, um ihre Gärtner zu wählen, die vor der Wahl dem Bruder Arbeiter in schönen Reden alle erdenklichen Versprechungen machen, was sie alles für das arbeitende Volk tun werden.
Wenn sie erwählt sind, gehen sie auch an die Arbeit; sie beackern und besäen das Feld.
Unkraut für das Volk und Weizen für sich und ihre reichen und mächtigen Gönner.
Leider muß ich an dieser Stelle die Befürchtung aussprechen, daß viele der Ohren, denen ich hier gepredigt habe, taub sind.
Denn will man irgend einen Arbeiter über die heutigen Verhältnisse und über die zukünftige rein menschliche Gesellschaft aufklären, so wird man mitunter wohl angehört, aber zuletzt erfolgt als Antwort entweder ein höhnisches Grinsen oder der Ausspruch: Das erleben wir ja doch nicht, damit basta!
Also weil wir’s doch nicht erleben, braucht man darum auch keinen Finger zu rühren, nichts für den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft zur höheren Reife beizutragen, nichts für Kinder und Kindeskinder zu (seite 27) tun, die ebensolche Sklaven werden sollen, wie wir es sind und in dem nierigsten Pfuhl der heutigen Gesellschaftsordnung einst zugrunde gehen sollen?

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.